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Ein Erreger, der medizinisches Umdenken erforderte

Seit der Entdeckung des Bakteriums Helicobacter pylori durch Barry Marshall und John Robin Warren im Jahr 1983 erfolgte eine medizinische Neubewertung etlicher Beschwerden und Erkrankungen insbesondere der Verdauungsorgane. Helicobacter pylori wurde als Verursacher vieler Magen-Darm-Erkrankungen erkannt – und in umfangreichen Studien wurde die Gefährlichkeit einer Infektion mit diesem Erreger hervorgehoben.
Der Erreger ist ein Beispiel für die Veränderungen in der Medizin und für notwendige Anpassung der Diagnostik und Therapie durch Erkenntnisse der Forschung: Lange wurde als Ursache für Gastritis und Magengeschwüre vor allem psychischer Stress verantwortlich gemacht. Das erwies sich als wissenschaftlich nicht haltbar.
Die Entdeckung des Erregers und seiner Gefahr erwies sich als so bedeutend, dass Marshall und Warren 2005 für seine Erforschung den Nobelpreis erhielten.

Bei der Erforschung der Auswirkungen einer Infektion mit Helicobacter pylori konzentrierte man sich zunächst auf die Rolle des Bakteriums bei der Verursachung von Magensäureüberproduktion, Magengeschwüren, Zwölffingerdarmgeschwüren und der Entwicklung von Karzinomen.
Fortschreitend zeigt die Forschung jedoch auch, dass Helicobacter für vielfältige andere Beschwerden allein- oder mitverantwortlich ist. Die sind z. B. funktionale Erkrankungen der Verdauung, sog. dyspeptische Symptome (chronische Magen-Darm-Beschwerden), chronische Verstopfung und Durchfälle, wechselnde Stühle, Krämpfe im Ober- und Unterbauch.

Zunehmend werden auch entzündliche Darmerkrankungen mit Polypen und Divertikeln sowie wechselnde und chronische Entzündungen des Darms mit diesem Erreger in Verbindung gebracht. Auch Störungen des Immunsystems und Beeinflussung der Immunfaktoren sowie des exo- und endokrinen Systems (Hypophyse, Schilddrüse, Pankreas, Gonaden, Nebennieren) durch Helicobacter pylori sind nachgewiesen.
Daneben gibt es eine Reihe weiterer Erkrankungen, die in unterschiedlicher Häufigkeit mit H. pylori assoziiert sind. Zu nennen sind dabei insbesondere die thrombozytopenische Purpura, Eisenmangel bis hin zur Anämie, systemische Sklerodermie sowie verschiedene Hauterkrankungen (v. a. chronische Urtikaria) und neurologische Erkrankungen (M. Parkinson, Kopfschmerzen/ Migräne).
Laut aktueller Forschungen kann Helicobacter pylori auch eine Ursache oder Mitursache für rheumatische Beschwerden und Arteriosklerose und für Gefäßerkrankungen sein (auch Herzinfarkt und Schlaganfälle). Plaquebildungen in Gefäßen – auch im Kontext von Infektionen mit Chlamydia pneumoniae – werden ebenfalls dem Erreger zugeordnet ( Zakel 2010 Zakel, Ute A. (2010). Chlamydia pneumoniae-infizierte humane Monozyten und die proinflammatorische Aktivität des Transkriptionsfaktors NF-κB und dessen Inhibitor IκB-α. Dissertation Gießen 2010 ).

Die aktuelle Forschung zu den Wechselwirkungen des Erregers mit dem Immunsystem führt zu immer neuen Erkenntnissen: etwa hinsichtlich der Aktivierung von murinen und humanen Zellen des angeborenen Immunsystems durch Helicobacter pylori ( Eckhardt 2005 Eckhardt, Alexander (2010). Analyse der Aktivierung von murinen und humanen Zellen des angeborenen Immunsystems durch Helicobacter pylori. Dissertation Regensburg 2005), hinsichtlich molekularer Mechanismen mit Blick auf die Rolle von gastrischen Epithelzellen und Granulozyten ( Gieseler 2007 Gieseler, Steffi (2006). Molekulare Mechanismen der Helicobacter pylori-Infektion: Rolle von gastrischen Epithelzellen und Granulozyten. Dissertation Magdeburg 2006 ). Und viele schwerwiegende und sich häufende Erkrankungen werden auch stark im Zusammenhang mit Helicobacter-pylori-Infektionen betrachtet, etwa Speiseröhrenerkrankungen (gastroösophageale Refluxkrankheit ( GERD, Buchweitz 2012 Buchweitz, Björn-Sigurd (2006).Qualitätssicherung der endoskopischen Überwachung des Barrettösophagus´. Dissertation Hamburg 2012 ) oder Wechselwirkungen zwischen der Infektion und der Gallenblasenfunktion im Hinblick auf Magenschleimhautentzündungen ( Strein 2007 Strein, Jürgen Robert (2006). Schnelltest zum Nachweis einer Helicobacter pylori-Infektion bei Kindern. Dissertation Homburg/Saar 2007 ).

Im Rahmen des Normamed-Prinzips, Krankheitserreger als Ursache vieler Beschwerden zu ermitteln, werden daher auch Untersuchungen auf Helicobacter pylori durchgeführt. Eine Beteiligung an Erkrankungen muss ausgeschlossen werden, um im Falle einer noch unerkannten Infektion möglichst früh Spätfolgen zu verhindern. Große Bedeutung kommt dabei der Prävention zu, z. B. durch Vorsorge-Checkups in Hinblick auf Schwangerschaftsplanungen.

Eine Verdachtsindikation mit medizinischen Hinweisen ergibt sich schon aus Anamnesefragen, etwa auch bei Beschwerden, wie z. B. bei Blähungen, Durchfällen, Verstopfung, Diabetes, Schilddrüsenleiden. Genaue Auskünfte können aber nur geeignete Labortests geben. Auch die Zungendiagnostik gibt Hinweise – so kann etwa eine Zunge mit ausgeprägter Kerbe in der Mitte ggf. nicht nur ein Hinweis auf eine gestörte Milzfunktion sein, sondern häufig auch auf eine Infektion mit Helicobacter pylori. Es sollte daher bei entsprechenden Symptomen stets ärztlicher Rat eingeholt werden.

Für die Diagnostik dieses Erregers steht auch eine Reihe von nicht-invasiven Untersuchungen zur Verfügung. Im Rahmen des Normamed-Prinzips werden derzeit (immer in Anpassung an aktuelle Fortschritte der Forschung) Tests über Blut- und Stuhlproben durchgeführt.
Diese sind gute (und bei richtiger Verfahrenskombination und richtiger Interpretation) interessante Alternativen zur Endoskopie (Magenspiegelung). Sie können Patienten, in Abhängigkeit von ihren Krankheitsbildern, unangenehme Untersuchungen ersparen und ermöglichen unter Umständen sogar rasch, unkompliziert, schonend und oft auch sofort eine Diagnose.

Eine effiziente und gut verträgliche Behandlung setzt eine vollständige und richtige Erregersuche voraus. Im Einzelfall muss jedoch der Arzt entscheiden, ob besondere Umstände eine sofortige Helicobacter-pylori-Therapie erforderlich machen - oder ob Zeit für eine abgestufte Vorbereitung und Durchführung der Behandlung vorhanden ist.

Eine solche den Erregern und ihren Bedingungen angepasste Therapie steigert die Effizienz der Medikamente, vermindert nachhaltig Nebenwirkungen und ist Teil des Normamed-Konzeptes. Dies hat u. a. auch den Vorteil, dass der Körper nicht zeitgleich mit zu vielen Medikamenten belastet wird und hilft dem erfahrenen Therapeuten, den Behandlungserfolg zu optimieren.

Eine abgestufte Therapie in mehreren Behandlungsschritten ist bei Mischinfektionen, zum Beispiel bei gleichzeitigem Vorhandensein von pathogenen Hefen (etwa Candida species) und Parasiten besonders sinnvoll.

Behandlungserfolge durch methodisches Vorgehen sichern

Bei Infektionen mit Helicobacter pylori und für viele Beschwerden, sowie für einen nachhaltigen Behandlungserfolg ist ein umfassendes und abgestimmtes Vorgehen unerlässlich. Helicobacter pylori ist selbst schon ein Erreger, der sehr viele Kenntnisse in Diagnostik und Therapie erforderlich macht.
Gerade bei vollständiger Diagnostik, z. B. durch Mundabstriche und die Untersuchungen ausreichend vieler Stuhlproben, findet man oft andere Erreger, die die Therapie gegen HP und die Wirksamkeit der Medikamente negativ beeinflussen können. Daraus ergeben sich wichtige Konsequenzen für den Therapeuten und für den nachhaltigen Erfolg der Therapie.